Um 18 Uhr bricht bei der AfD-Wahlparty Riesenjubel aus. Auf der Bühne stehen Spitzenpolitiker der Partei. Man ist völlig aus dem Häuschen und spricht von „einem historischen Wahlkampf“. „Nicht vor der Presse kuschen“, „Nicht vor dem Verfassungsschutz kuschen“, sagt ein AfD-Politiker auf der Bühne, das Wahlergebnis sei der Lohn dafür. Björn Höcke stimmt das Lied „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ an. Deutschlands extreme Rechte ist berauscht. Der Grund: Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, holt ein Rekordergebnis.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Doch nach den ersten Prognosen gibt es in Magdeburg Klarheit – und Ungewissheit zugleich. Sicher ist: Die AfD ist mit Abstand Wahlsiegerin, verdoppelt das eigene Ergebnis von 2021. Unsicher ist aber in diesem Moment: Reicht es für die erste AfD-Regierung in einem Bundesland? Oder schließt sich ein Anti-AfD-Bündnis von CDU bis Linkspartei und Wagenknecht-Partei BSW zusammen?

Auf der Wahlparty im „Alten Theater“ in Magdeburg filmen rechte Youtuber, die auch den Wahlkampf der Partei begleitet haben. Matthäus „Aktivist Mann“ Westfal, der bekannt wurde, weil er immer wieder aggressiv Journalisten anpöbelte, rennt durch die Räume und schreit in sein Handy, nun habe man das Land zurückgeholt. Parteistrategen geben hochzufrieden Interviews. Das Ergebnis sei noch besser, als er erwartet habe, erklärt Hans-Thomas Tillschneider. Aus den Boxen schallt rechter Technoschlager, Lieder von „deutscher Treue“.

Sachsen-Anhalt: Auf das Ergebnis von Wagenknechts BSW kommt es jetzt an

Er wolle „Geschichte schreiben“, so hat es auch AfD-Mann Siegmund immer wieder im Wahlkampf postuliert. Doch ob erstmals in der Geschichte eine vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Partei eine Landesregierung in Deutschland führen wird, ist noch nicht klar. Vieles kommt darauf an, ob BSW mit der AfD paktiert. Oder sogar doch die CDU, vielleicht einzelne konservative Abgeordnete sich von der Politik der „Brandmauer“ verabschieden und mit den Radikalen stimmen.

Er wolle „allen möglichen Kräften die Hand ausstrecken, wenn sie mit uns eine grundsätzliche politische Kehrtwende herbeiführen wollen“, sagt Siegmund am Abend. Er will sich alle Optionen offenhalten – und könnte zugleich abhängig von der Gunst anderer sein. Schon im Wahlkampf hatte Siegmund für Irritationen gesorgt, er wolle allein regieren, sei aber zu Kooperationen mit anderen Parteien bereit. Kurz vor der Wahl mischte sich Zweifel in seine Aussagen. Zwei oder drei Abgeordnete als Mehrheit könnten zu riskant sein, es könnten ja immer Abgeordnete krank werden, sagte Siegmund gegenüber der „Bild“. Äußerungen, die Parteifreunde stutzen ließen. Schlingert der AfD-Mann vor seinem größten Erfolg?

Landtagswahl in Sachsen-Anhalt - Stimmabgabe Siegmund (AfD)
Bedient Emotionen und Ostalgie: AfD-Mann Ulrich Siegmund auf seinem Simson-Moped.© Kay Nietfeld/dpa | Kay Nietfeld

Für den Wahlsieg der AfD gilt Spitzenkandidat Ulrich Siegmund als zentraler Faktor. Er und die AfD haben in den vergangenen Monaten eine enorme Präsenz auf der Straße gezeigt. Siegmund ist durch das Bundesland gezogen, von Bürgerdialog zu Dorffest zum Sommergrillen. Dorthin, wo Grüne, SPD, aber auch CDU wenig Flagge zeigten. Siegmunds Ausdauer haben selbst Gegner bewundert.

Will Siegmund doch nicht regieren, auch wenn er die Mehrheit im Parlament hat?

Doch der Fleiß ist das eine. Ulrich Siegmund hat keinen klassischen Wahlkampf geführt – eher ist er wie ein Heilsbringer durch Sachsen-Anhalt gereist. Garniert mit blumigen Worten von der „Liebe zum Land“ und einer „gemeinsamen Zukunft“. In einem Wahlkampfsong singt eine Frauenstimme vom „blauen Himmel“ und „Schmetterlingen im Bauch“. Man wähle keine Partei, sondern eine „Bewegung“, das war Siegmunds Losung. Der Politologe Wolfgang Schroeder von der Universität Kassel sagt im Gespräch mit unserer Redaktion, die AfD habe sich „als verschworene Schicksalsgemeinschaft“ präsentiert. Umso bitterer wäre es für die AfD, wenn sie doch nicht an die Regierung käme. Sie steht so gut da wie nie, hat mobilisiert für die „Wende“ – und schafft es doch nicht an die Macht.

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Siegmund kommt zu diesem Sieg, ohne in seinem Wahlkampf groß auf Inhalte zu setzen. Im Gegenteil, sagt Politologe Schroeder, er habe stattdessen mit Emotionen gespielt, Ostalgie zelebriert, rechtsextreme Szene-Codes chic dargestellt. Mehrfach tourte Siegmund mit einer AfD-blauen DDR-Simson und Hunderten Anhängern im Konvoi.

Saxony-Anhalt Holds State Elections
Wahlkämpfer Ulrich Siegmund: „Wir wollen Geschichte schreiben.“© Getty Images | Sean Gallup

„Alles ist möglich“, propagierte die AfD im Wahlkampf. Doch was ist für Siegmund am Ende möglich?

Zwar gibt sich Ulrich Siegmund öffentlich wenig ideologisch. Doch in seinem Umfeld finden sich mehrere extreme Rechte, darunter frühere Mitglieder der Neonazi-Gruppe „Heimattreue Deutsche Jugend“ und Mitglieder der „Identitären Bewegung“. Bei der Abschlussfeier der Partei wettert Landeschef Martin Reichardt auf der Bühne gegen „volksfeindliche Altparteien“. Er könnte Bildungsminister einer AfD-Regierung werden.

Regiert die AfD in Sachsen-Anhalt, droht zumindest in Schulen, an Universitäten und Kultureinrichtungen ein heftiger Einschnitt. Überall, wo die AfD föderal mitmischen und auf Landesebene bestimmen kann. Laut ihrem „Regierungsprogramm“ will sie den öffentlichen Rundfunk eindampfen, die Schulpflicht aushöhlen und einen „Remigrationsbeauftragten“ ernennen – ohne Distanz zu dem rechtsextremen Kampfbegriff, der auf ein ethnisch homogenes Volk abzielt.

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Fachleute warnten schon vor der Wahl vor den Folgen einer AfD-Regierung. Der Fachkräftemangel werde sich verschärfen, Investitionen könnten zurückgehen, Grundrechte würden eingeschränkt. Ulrich Siegmunds zentraler Wahlkampfslogan in den vergangenen Wochen lautete „Alles ist möglich“. Er ist an diesem Sonntagabend Sieger. Aber was für ihn am Ende „möglich“ sein wird, ist ungewiss.