Es gibt einen Beitrag zur Verkehrswende in dieser Stadt, der zumindest keinen Streit mehr auslöst. Keiner glüht mehr, keiner schimpft mehr, den meisten Menschen fällt er wahrscheinlich nicht einmal mehr auf. Und mal ehrlich, wer schaut sich den Belag, auf dem er läuft, schon genau an? Der Beitrag ist eine Straße, 100 Meter, die unscheinbar zum Euref-Campus in Berlin-Schöneberg führt. Der Asphalt sieht aus wie jede andere – vielleicht etwas frischer, nicht ganz so abgenutzt, aber Autos können darüberfahren, auch Fahrradfahrer, und wenn niemand fährt, können Fußgänger darauf laufen. Und doch ist eine Kleinigkeit anders: Der oberste Belag besteht zu einem Teil aus Plastikmüll.

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Die Idee kommt von Jonas Varga. Der 30-Jährige ist Gründer und Geschäftsführer der Ecopals GmbH. Am Freitag stellte er sein Projekt bei der Neustart-Konferenz im Gasometer in Schöneberg vor, einer gemeinsamen Initiative von „Tagesspiegel“, Berliner Morgenpost, Radioeins und Euref-Campus. 70 Einzelpersonen, Projekte, Vereine und Unternehmen waren einem Aufruf gefolgt, Überlegungen für ein besseres Berlin einzureichen. Eine Voraussetzung allerdings war, dass sie nachhaltig sein müssen, relevante Themen angehen und eine realistische Chance auf eine Umsetzung haben. Eine Jury aus Experten sah das in dem Vorhaben von Varga und seiner Ecopals GmbH gegeben. Es selbst spricht von einer „unterstützenden Maßnahme bei einer gesamten Transformation der Stadt.“

Technologie soll CO₂-Emissionen um bis zu 20 Prozent reduzieren
Um seinen Ansatz zu verstehen, muss man wissen, wie sich Asphalt für eine Straße zusammensetzt. Der besteht zu 95 Prozent aus Gestein in verschiedenen Formen. Sand kann enthalten sein, auch Kiesel. Zusammengehalten wird die Masse von einer Art Kleber, der sich Bitumen nennt und aus Restprodukten der Erdölraffinerien stammt. Für die oberste Schicht wird der Kleber mit Polymeren modifiziert, damit der Asphalt lange dem Verkehr standhält, sich etwa bei Hitze keine Spurrillen bilden oder bei Kälte Risse im Asphalt entstehen. Herkömmliche Polymere werden Varga zufolge unter hohem Energiebedarf hergestellt und durch die Welt gefahren. Die Ecopals GmbH hingegen setzt da auf den Plastikmüll. Das soll die Herstellungskosten drücken, den Straßenbau unabhängiger von globalen Lieferketten machen und die CO₂-Emissionen um bis zu 20 Prozent reduzieren, so Varga.
Die „Neustart-Konferenz“
Wie geht es weiter mit der Hauptstadt? Darüber haben sich Erfinder, Talente und Visionäre der Stadt Gedanken gemacht. Um die Macher mit den Entscheidern der Stadt zusammenzubringen, haben sich der Tagesspiegel, die „Berliner Morgenpost“, der EUREF-Campus und Radioeins vom RBB in der einmaligen Kooperation „Neustart Berlin“ zusammengetan.
Eine Jury aus Fachredakteurinnen und -redakteuren der beteiligten Medien sowie dem EUREF-Campus hat aus 70 eingereichten Konzepten zu den Themen Stadtentwicklung und -gestaltung, Verkehr, Umwelt, Kultur und gesellschaftlicher Zusammenhalt die aus ihrer Sicht vielversprechendsten ausgewählt.
Neun dieser Vorschläge wurden am vergangenen Freitag im Schöneberger Gasometer auf dem EUREF-Campus präsentiert, sieben weitere sind dort in einer Ausstellung zu sehen. Auf Youtube können Sie die Konferenz „Neustart Berlin“ anschauen.
Angefangen hat alles in Nepal. „Während meiner Zeit in der Universität habe ich bei einer NGO gearbeitet, die in Nepal Projekte umsetzt“, erzählt Varga im Gespräch. „Wir haben nach Technologien gesucht, um das Plastikmüllproblem vor Ort zu lösen“, sagt er. Eine „rudimentäre Idee“ sei die Wiederverwendung von Plastikmüll in Straßen gewesen. Heute, sagt er, würde er „Plastikmüll“ auch nicht mehr so bezeichnen. Er spricht von „recyceltem Rohstoff“. Allerdings stellte er fest, dass er als Ökonom mehr Expertise benötigte. „Ich bin auf das Fraunhofer-Institut gestoßen, das in dem Bereich forscht“, sagt Varga.
Jonas Varga: Wollen die Technologie „breit ausrollen“
Im Rahmen eines Forschungsprojekts am Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie in Pfinztal entwickelte Jonas Varga zusammen mit Mitstreitern den Asphaltbelag Ecoflakes. „Das Programm ist darauf ausgelegt, dass man gründet“, sagt Varga weiter. Später konnten sie Investoren von ihrer Technologie überzeugen und entschieden sich im Jahr 2021, die Ecopals GmbH zu gründen. Inzwischen ist die Liste der Gesellschafter lang, über 25 Unternehmen und Privatpersonen beteiligen sich an der GmbH, darunter Varga selbst mit einer Beteiligungs-UG und auch der Hightech-Gründerfonds.
Umgesetzt hat Ecopals derzeit Projekte in Deutschland, aber auch in sieben weiteren Ländern. Den Durchbruch aber hat das junge Unternehmen noch nicht erreicht. „Wir investieren viel ins Wachstum“, sagt Varga. „Aktuell wollen wir noch gar nicht profitabel sein, sondern die Technologie breit ausrollen“.
In Berlin gestaltete sich das bislang aber schwierig. Bis die 100 Meter, die Torgauer Straße, zum Euref-Campus verlegt wurden, ging das Projekt durch viele Abstimmungsprozesse mit den Behörden. Zwischendurch drohte das Projekt sogar zu scheitern, da das zuständige Straßen- und Grünflächenamt keine Genehmigung für das Material erteilte. Der Bezirk verwies damals auf das Regelwerk für den Straßenbau im Land Berlin. Das sehe keinen Plastikabfall im Material vor. Der Streit zog sich über ein halbes Jahr. Das Unternehmen erbrachte Nachweise über die Nutzung. Letztlich gab es im Sommer 2024 die Genehmigung für die einmalige Anwendung. Nun hofft Jonas Varga auf mehr Mut in Berlin. „Wir machen nicht besonders viel anders. Aber manchmal müsste man den Schritt, etwas zu machen, einfach zulassen“, sagt er.





